Wandel der Altersstruktur im Fokus


"Wie reagiert die Kreispolitik auf die älter werdende Gesellschaft, und wie generationengerecht ist der Kreis Heinsberg?" So lauteten die zentralen Fragen, zu denen die Arbeitsgemeinschaft der Senioreninitiativen im Kreis Heinsberg die Landrats- beziehungsweise Spitzenkandidaten der im Kreistag vertretenen Fraktionen im Vorfeld der Kommunalwahl zur Diskussion gebeten hatte.

Moderator Heinz-Peter Benetreu begrüßte dazu knapp 50 Teilnehmer im Großen Sitzungssaal des Kreishauses. Ist im Kreis damit zu rechnen, dass das vom Moderator eingangs beschriebene Szenario leerer Kindertagesstätten, überfüllter Seniorentreffs und entvölkerter Landstriche eintrifft? "Ich kämpfe dafür, dass die Landflucht hier nicht real wird", sagte Landrat Stephan Pusch, der erneut für die CDU
kandidiert. Der Kreis habe neben der Pflegeplanung rechtzeitig auf dem Hintergrund demografischer Daten die Weichen gestellt, ein Beratungsangebot geschaffen, 2006 schon die Stelle eines
Seniorenbeauftragten eingeführt, einen Generationenbeirat und die Stabsstelle demografischer Wandel eingerichtet, die die Kommunen bei der Planung altersgerechter Wohnquartiere berät.

SPD-Kandidat Ralf Derichs verwies ebenso wie seine Mitbewerber am Podium, Maria Meurer (Grüne) und Dr. Klaus J. Wagner (FDP) als Landratskandidaten sowie Walter Leo Schreinemacher, Spitzenkandidat der Freien Wähler (Silke Müller, Die Linke, war erkrankt), auf weitgehende Einvernehmlichkeit im Kreistag, was die Begleitung des demografischen Wandels angehe. Gleichwohl könne der Service noch verbessert werden. Er plädierte für eine neutrale Pflegeberatung in jeder Kommune, eine Verbraucherberatung für den Kreis, die Jung und Alt zugutekomme, die Stärkung des Ehrenamtes durch eine kreisweite Ehrenamtskarte und mehr Anstrengungen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, vor allem flexiblere Kita Öffnungszeiten. 

Auch Maria Meurer sah die Forderung nach Inklusion und Generationengerechtigkeit als Aufgabe für alle Altersgruppen. "Barrierefreiheit nutzt dem Senior mit Rollator ebenso wie dem Vater mit Kinderwagen", sagte sie. Eine Verbesserung des Nahverkehrs sei ebenfalls nötig. Mobilität und Fahrrad/E-Bike-Freundlichkeit sind auch für Klaus J. Wagner ein wichtiges Kriterium für die Attraktivität des
Kreises, ebenso eine gute ärztliche Versorgung - oft ein Problem im ländlichen Bereich. Ganz wichtig ist ihm, ehrenamtliche Strukturen und einen Bewusstseinswandel für mehr nachbarschaftliches Miteinander zu fördern. Denn: "Wir werden nicht mit Geld um uns schmeißen können."

Teilhabe ermöglichen lautete der zentrale Gedanke im Statement von Walter Leo Schreinemacher. Dazu zählte für ihn nicht nur die Einbindung Älterer in die aktive Politik und das Vereinsleben. Vor allem fehlten neue Wohnformen mit gemischten Altersstrukturen, wobei die Gründung einer Kreis-Wohnungsbaugesellschaft sinnvoll sein könnte.

Lebhafter Widerspruch in der Diskussion dazu von Pusch, der sich gegen den Staat als Unternehmer aussprach, Derichs hingegen hielt das Thema für bedenkenswert. Wohnen war ohnehin ein Thema, das etliche Diskussionsteilnehmer umtrieb. Dabei wurde deutlich, dass das Altwerden in den eigenen vier Wänden, aber auch neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens von Jung und Alt immer wichtiger werden und die Pflegeplatzplanung als zentrales "Altenthema" verdrängt haben. Skeptisch gesehen werden zunehmend in sich geschlossene Seniorenwohnanlagen ohne jüngere Nachbarschaft.

Ex-Stadtplaner Henning Herzbergs Appell, weniger an Senioren als an eine Verjüngung des Kreises durch Förderung der Familien zu denken, provozierte differenzierte Reaktionen. Tenor am Podium und im Zuhörerkreis: Jung gegen Alt auszuspielen, sei der falsche Weg. Als Ziel wünschten sich Kreispolitiker, Senioren- und Familienvertreter (Frauenzentrum und Familienbund der Katholiken waren auch präsent) ausgewogene Strukturen, ein Miteinander der Generationen und einen Sinneswandel dahin, dass jeder mitwirken kann.

Den Schlussakzent der vielfachen Plädoyers fürs ehrenamtliche Engagement setzte der Nestor der Senioren-Initiative Erkelenz, Josef Fedler (91). Er berichtete, dass die mal als Seniorenservice gedachten "Heinzelmännchen" heute auch viele junge Familien unterstützen.

Quelle: RP